Im Oberkircher Tafelladen spielt der Pass keine Rolle

Im Oberkircher Tafelladen spielt der Pass keine Rolle

Die Essener Tafel hat mit ihrem Aufnahmestopp von Ausländern bundesweit für Schlagzeilen  gesorgt. Engpässe bei den Lebensmitteln und Rangeleien vor dem Tafelladen waren Gründe für die Maßnahme, die inzwischen wieder aufgehoben wurde. Die ARZ hat sich bei der Oberkircher Tafel umgehört: Wie ist hier die Situation mit deutschen und ausländischen  Kunden.

Tafel-Lebensmittel nur für Kunden mit deutschem Pass? Das gibt es bei der Oberkircher Tafel nicht. Hier darf einkaufen, wer bedürftig ist. Die Nationalität spielt keine Rolle. Als 2015 viele  Flüchtlingsfamilien nach Oberkirch kamen, bekam auch die Tafel den Druck zu spüren. Bei  gleichem Warenangebot stieg die Nachfrage der Bedürftigen. Die Tafel verhängte einen  Aufnahmestopp und führte eine Warteliste ein. »Das war die richtige Entscheidung«, sagt  Ladenleiterin Liane Früh.

Für 130 Familien kann die Tafel Waren anbieten, mehr ist nicht  möglich. »Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Wir haben noch 25 Personen auf der  Warteliste«, berichtet Früh.  Anfangs habe es mit den Flüchtlingen auch mal Probleme gegeben. »Einige waren nicht richtig  aufgeklärt und dachten, sie hätten hier das Recht, einzukaufen«“, berichtet Teamleiterin Gertrud  Erdrich. »Wir haben das aber immer vermitteln können«, fügt Liane Früh hinzu.

Die Entscheidung der Essener Tafel, einen Aufnahmestopp für Ausländer einzuführen, können Gertrud Erdrich, Liane Früh und Edeltraud Glowka nachvollziehen. Für richtig halten sie sie aber  nicht. In einer Stadt wie Essen sei der Druck auf die Tafeln sicher ein anderer als hier im  ländlichen geprägten Oberkirch. Wichtig seien aber hier wie anderswo klare Regeln und eine gute  Organisation.

Bei der Oberkircher Tafel gibt es beispielsweise zwei Einkaufsphasen. Zunächst kaufen Kleinfamilien bis vier Personen und Alleinstehende ein. Anschließend sind die  Großfamilien dran. »Dann haben wir eher den Überblick über die Waren und können den  Großfamilien auch größere Mengen mitgeben. Andersrum müssten wir immer schauen, dass  anschließend noch genug Waren da sind«, erklärt Gertrud Erdrich. Einen weiteren Vorteil der Kleinstadt sieht das Tafel-Team in der Spendenbereitschaft der  Menschen. »Wir haben hier eine sehr große Unterstützung durch die Bevölkerung«, betont Liane  Früh. Gerade erst sei eine Spende vom Kinderkleiderbasar angekommen, auch die Kommunionkinder aus Oberkirch und Oppenau hatten gesammelt.

Stichwort

Die Tafel in Zahlen

Deutsche und Ausländer bei der Tafel in Zahlen: Momentan setzen sich die Kunden der Oberkircher Tafel wie folgt zusammen: 63 Prozent der  Kundenausweise sind auf Personen mit deutschen Pass ausgestellt, 37 Prozent auf Ausländer inklusive Flüchtlingen.

Nimmt man allerdings die Personen zur Grundlage, die über die Ausweise  versorgt werden, verändern sich die Zahlen: Dann sind 57 Prozent der Kunden Ausländer und 43 Prozent Deutsche. Der Unterschied erklärt sich so: Unter den deutschen Bedürftigen sind viele Rentner und Alleinerziehende, während es bei den ausländischen Kunden viele Großfamilien  gibt.

Die Tafel-Mitarbeiter machen aber noch einen anderen Grund aus: Bei den Deutschen ist die Hemmschwelle größer, sich bei der Tafel zu melden, weshalb es einige Bedürftige im Renchtal  geben dürfte, die das Angebot nicht nutzen. »Einige haben hier bei ihrem ersten Besuch geweint«,  schildert  Mitarbeiterin Edeltraud Glowka, was es für manche Menschen bedeutet, das Tafelangebot nutzen zu müssen.kr

Hintergrund

„Weltfremd“

Ein weiteres Mal waren die Tafeln in Deutschland Thema in den Medien, als der neue CDU- Gesundheitsminister Jens Spahn äußerte, niemand müsse in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gebe. »Das ist weltfremd«, sagt Liane Früh zu dieser Aussage. Einmal ein paar Tage in einer Tafel zu arbeiten und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, würde dem Minister gut tun.

Auch wenn niemand verhungern würde, so seien für die bedürften Menschen eine  kaputte Waschmaschine oder Brille eine Katastrophe. Bei der Tafel einzukaufen ermögliche es, etwas Geld für andere Dinge einsetzen zu können.

»Es gibt unter unseren Kundinnen eine Rentnerin, die, wenn sie ihre monatlichen fixen Ausgaben abzieht, noch 120 Euro zur Verfügung hat. Davon kann man nicht leben«, nennt Edeltraud Glowka ein Beispiel aus Oberkirch.kr